„Jeune Fille“

Das schöne Mädchen mit den großen, fragenden Augen, den vollen Lippen und dem trotzigen Blick heißt Anne Wiazemsky. Wie jedes junge Mädchen träumt die 1947 in Berlin geborene Französin von der ganz großen Karriere beim Film: Sie will Schauspielerin werden. Eine Freundin macht sie eines Tages mit dem damals bereits allseits verehrten Regisseur Robert Bresson bekannt. Diese Begegnung wird ihr Leben grundlegend verändern. Bresson engagiert die erst 18jährige Anne für seinen Film Au hasard Balthazar. Es ist ihre erste Filmrolle.

In ihrem autobiographischen Roman „Jeune Fille“ erinnert sich Anne Wiazemsky an diesen Film zurück: an die Dreharbeiten, an Bresson, an erkämpfte Freiheiten, eine erste Liebe, an einen schwülen Sommer des Jahres 1965.

Es ist eine Coming-of-age-Geschichte, welche die Enkelin des Literaturnobelpreisträger Francois Mauriac in einer einfachen, unaufgeregten Sprache erzählt. Zart spinnt sie die Fäden um ihre Figuren, ohne sie zu idealisieren. Sie verschont sie nicht – nicht Bresson, nicht sich selbst.

In ihrer Unerfahrenheit unterwirft sie sich dem in ihren Augen allwissenden Bresson, überlässt ihm, ganz allein ihm, die Führung, legt ihr Talent in seine Hände und lässt es ihn zur Perfektion formen.

Doch die Beziehung zwischen der jungen Schauspielerin und einem der bedeutendsten Regisseure Frankreichs ist kompliziert. Anne ist hin- und hergerissen zwischen der starken Zuneigung, die sie für den wesentlich älteren Bresson verspürt, und der Angst, seiner sie überfordernden Gefühlsäußerungen nicht mehr Herr werden zu können. Doch je mehr Bresson seine eigene Verletzlichkeit offenbart, umso mehr lernt Anne, sich aufzulehnen, umso mehr wird sie erwachsen.

Dennoch, so geheimnisvoll Bresson schon zu Lebzeiten war, so geheimnisvoll bleibt er auch in Wiazemskys Buch: Ein Visionär, faszinierend und autoritär, fürsorglich und abweisend zugleich, ein Rätsel, dessen Innerstes weder Anne noch der Leser entschlüsseln können.

Ich persönlich finde dieses Buch wunderschön, vielleicht, weil ich mich selbst ein wenig in Anne wiederfinde. Aus eigener Erfahrung heraus kann ich derartige Gühlsregungen, wie Anne sie mit Bresson durchlebte, sehr gut nachvollziehen. Diese starke Zuneigung, die man empfindet, ist keine Liebe. Sie ist vielmehr Bewunderung für einen Menschen, dessen gesamte Aura und Persönlichkeit einen einnimmt, ein Glücksgefühl, das die Seele durchströmt, wenn man mit einem solch inspirierenden Menschen zusammen sein, ihm nur zuhören darf.

Wer übrigens den Film Au hasard Balthazar nicht kennt, wird ihn nach der Lektüre vielleicht sehen wollen – und ihn hoffentlich ins Herz schließen. Anne Wiazemsky jedenfalls hat sich durch ihren Roman in mein Herz eingeschlichen, und es wird sicherlich nicht das letzte Buch gewesen sein, das ich von ihr lese.

(Coverabbildung mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlags)

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