Langzeitdokumentation „Berlin – Ecke Bundesplatz“ (1986-2012)

Es ist ein Berliner Spätsommer Ende der 80er Jahre. In einer Bäckerei verkauft eine dunkelhaarige, lebenslustige Frau Brot und Brötchen an ihre Kunden. Es ist Gerda Dahms, wie ich später erfahren werde, die zusammen mit ihrem Mann, dem Bäckermeister Gerhard Dahms, ihr Geschäft am Bundesplatz in Berlin betreibt. Das Geschäft läuft gut. Es ist ein Familienbetrieb. Außer den beiden gibt es keine Mitarbeiter. Gerhard Dahms verrichtet seine Arbeit allein: Teig verrühren, backen, saubermachen. Seine Arbeit füllt ihn aus.

Auf den Straßen können wir das Leben der Menschen beobachten, die auf den Märkten Lebensmittel kaufen oder einfach spazierengehen. Alles erscheint langsamer und ruhiger, irgendwie menschlicher. Erinnerungen kommen hoch. Ich fühle mich zurückversetzt in meine eigene Kindheit.

Die Qualität des Filmmaterials hat bereits ein wenig gelitten, das sieht man. Aber es macht auch seinen nostalgischen Charme aus. Unterlegt mit der wunderschönen Musik von Arpad Bondy – erinnernd an die instrumentalen Stücke in französischen Bistros – gleitet Berlin, gleiten die Jahre an einem vorbei. Familie Dahms muss ihre Bäckerei verkaufen. Die Mieten werden teurer. Die Stadt wird umgebaut, erneuert. Alles soll moderner werden. Die kleinen Geschäfte müssen weichen. Frau Dahms findet eine neue Anstellung. Herr Dahms, der ruhige, ernsthafte kleine Mann mit dem lieben Gesicht, wird schwer krank. Zwölf Jahre begleiten die Dokumentarfilmer ihm auch auf diesem schweren Weg, jedoch immer zurückhaltend und respektvoll.

Es sind einfache Menschen, die kleinen Leute, die diese Dokumentation zeigt, und die einem vielleicht gerade deswegen so ans Herz geht.

Neben der Familie Dahms ist mir ganz besonders auch Familie Rehbein ans Herz gewachsen, mit dem etwas grummeligen Vater Gerhard Rehbein, dessen Job als Zugabfertiger in der U-Bahn eines Tages nicht mehr existiert, mit seiner herzerfrischenden Frau, die sich für die Familie aufopfert, und ihrem gemeinsamen Sohn Thomas Rehbein, der lange Zeit seinen Weg im Leben nicht finden kann.

Wer die Langzeit-Dokumentation „Berlin – Ecke Bundesplatz“ noch nicht kennt, sollte unbedingt einmal einen Blick hineinwerfen. 26 Jahre lang haben die Dokumentarfilmer Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich unterschiedliche Menschen und Familien in ihrem Alltag begleitet und gefilmt. Es gibt kein Drehbuch, keine Effekthascherei – und genau das macht den Charme dieser Dokumentation aus. Die Schicksale der Menschen werden authentisch und unaufgeregt erzählt. Nebenbei erleben wir den Wandel Berlins, politisch wie auch gesellschaftlich. Herausgekommen ist ein Stück Zeitgeschichte, das bewegt. Und ich kann nur sagen: Bitte mehr davon!

Weitere Informationen findet ihr u.a. auf den Seiten der Deutschen Kinemathek unter http://www.berlin-ecke-bundesplatz.de/. Dort gibt es auch zwei der Anfangsfolgen zu sehen, die nicht im Fernsehen ausgestrahlt wurden.

Zur Zeit laufen außerdem einige Folgen auf den Sendern RBB und WDR.

Die Sendezeiten:

RBB: 12.03. „Schornsteinfegerglück“ ab 23:30

WDR: 16.03. „Vater, Mutter, Kind“ ab 0:15

RBB: 19.03. „Vater, Mutter, Kind“ ab 22:45

WDR: 23.03. eine Doppelfolge ab 0:10 (Wdh. auf RBB am 26.03.)

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