Die Ciné-clubs der 20er und 50er Jahre

Wenn uns jemand fragte: „Wovon lebt ihr eigentlich?, antworteten wir gern: „Wir leben nicht.“ (Eric Rohmer)

© mercidanslecinema

© mercidanslecinema

Was für den Künstler das Atelier war, das war für den (französischen) Filmliebhaber der Zwanziger der Ciné-Club. Der erste dieser Art wurde 1921 von Louis Delluc gegründet. Das Konzept war einfach: Man mietete in aller Regelmäßigkeit – meist geschah dies einmal in der Woche – einen Kinosaal (sofern man das nötige Kleingeld besaß) und zeigte dort, nun ja, Filme. Meist waren es ältere Filme, vor allem aber waren es Filme aus der eigenen Privatbibliothek, die man sehr schätzte und die man anderen näherbringen wollte.

Filme waren damals noch Wegwerfprodukte. Es gab keine Archive oder offiziellen Sammlungen und oftmals musste man großen Aufwand betreiben, um überhaupt an die Filme zu gelangen. Nur durch Zufall stieß man auf diese Weise auf Filme von George Méliès. Die Retrospektive, welche die jungen Cinephilen daraufhin in den 50ern zeigten, führte zur Wiederentdeckung des Filmmagiers.

Im Kino wurde die Liebe zum Film zelebriert. Und was Rohmer in seinem Zitat oben ausdrücken wollte, war eben, dass es für die Regisseure der Nouvelle Vague und für ihn kein anderes Leben als das Kino gab. Es diente nicht der Unterhaltung, sondern war für die meisten Filmliebhaber eine ernsthafte und existenziell betriebene Angelegenheit. Außer dem Film gab es nichts anderes und konnte es auch nichts anderes geben.

Der Kinobesuch glich folglich auch einem ganz bestimmten Ritual, das jeder für sich selbst festlegte. Der Eintritt, die Wahl des Sitzplatzes und der Begleitung (nicht selten in Form eines schwarzen Notizbuches) sowie das Verhalten während der Vorführung waren von äußerster Wichtigkeit. Normalerweise saß man in den Reihe 1-5, was eine freie Sicht auf die Leinwand garantierte. Man wollte möglichst nah sein, um in den Film eintauchen zu können. Nichts sollte einem entgehen, nichts einen ablenken von diesem Erlebnis.

Auch für mich ist der Film eine Art Heimat, eine Inspiration, die mir Einblicke in anderen Kulturen und fremde Welten erlaubt, und manchmal auch nur wieder den Blick für das verschärft, was uns alltäglich umgibt. Nicht selten sehne ich mich in die Zeit zurück, als das Kino oder vielmehr der Cine-Club noch der Ort war, an dem man dieser Leidenschaft nachgehen konnte. Ich erlebe dieses gemeinsame und enthusiastische bzw. kritische Ansehen eines Films eigentlich nur noch auf Filmfestivals, fernab von den großen Multiplexkinos, in denen vom Essen verklebte oder verdreckte Sitze jeden Filmgenuss zunichte machen können.

Von euch würde ich gern wissen: Habt ihr bestimmte Rituale, denen ihr nachgeht, wenn ihr ins Kino geht? Was stört euch und was mögt ihr am Kino besonders? Besitzt ihr vielleicht auch ein kleines Notizbuch, in das ihr all das schreibt, was euch an einem Film besonders fasziniert hat? Erzählt mir davon, ich bin neugierig!

Als kleines Extra habe ich euch übrigens noch ein paar Tracks zum Thema zusammengestellt: Hier klicken! Viel Spaß bei diesem kleinen, musikalischen Rundgang!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Ciné-clubs der 20er und 50er Jahre

  1. Eine Ode an das Kino! Und sehr informativ, von den Ciné-Clubs habe ich bis zu diesem Eintrag nichts gehört, aber was für eine schöne Vorstellung. In einer schönen neuen Welt (:D) stelle ich mir die Ciné-Clubs als festen Bestandteil des kulturellen Alltags vor. ^^

    Leider, oh leider, war ich in den letzten Jahren nicht so oft im Kino wie ich es gerne wollte. Ich glaube die Anzahl meiner Kinogänge letztes Jahr kann ich an einer Hand abzählen und vorletztes Jahr sah es ähnlich aus – gar keine gute Quote. Zu wenig Zeit und… ja, zu wenig Zeit. Ich hatte mir dieses Jahr vorgenommen (jaja…) was für meine Kinoquote zu tun, aber bislang hat sich kaum was getan… Ich sollte vielleicht nach dem Motto „Einfach machen, nicht lange überlegen!“ handeln.

    Ich liebe kleine Kinos, ich unterstütze so gut es geht immer meine lokalen Lieblingsläden/-institutionen und fände es traurig, wenn sie schließen müssten und nach und nach Städte immer homogener aussehen. Es ist nicht nur die Filmauswahl, die mich in Kommunalen Kinos und Programmkinos besonders anspricht und auch nicht die Tatsache, dass ich da nicht die einzige bin, die ohne Begleitung ins Kino geht einfach um des Films willen weniger als soziale Aktivität (mittlerweile bin ich aber völlig schmerzfrei und gehe auch alleine in Multiplexkinos ^^), das Architektonische fasziniert mich auch… irgendwie, ganz unerklärlich. Es gibt einige Kinos, die etwas „heruntergekommener“ aussehen, vielleicht auch „hässlich“, aber trotzdem fühle ich mich dort wohl und verbringe gerne Zeit dort. Ganz unabhängig von der Qualität des Films.
    Ich mag eigentlich keine Multiplexkinos, aber sie lassen sich auch nicht vermeiden „dank“ meiner Schwäche für (teils schwachsinnige) Actionfilme. Zur Beruhigung, keine Michael Bay-Filme, so schlimm ist mein Guilty Pleasure-Geschmack auch wieder nicht. ^^
    Für mich ist das größte Unding bei solchen Kinos ja diese ganzen Essensgeräusche und – gerüche während der Film läuft – wahnsinnig störend, ich hasse das! Es ist natürlich nicht so, dass ich nie etwas essen würde, wenn ich Zuhause einen Film auf DVD anschaue, aber im Kino ist es irgendwie etwas anderes… Man sieht den Film auf großer Leinwand direkt vor sich, hat das Gefühl in die Geschichte direkt einzutauchen, fiebert mit den Charakteren mit… der Gedanke „Essen“ kommt bei mir dabei kaum vor, weil ich doch das Gefühl habe direkt in dem Film eingesogen zu werden.

    Bestimmte Rituale… ich habe tatsächlich ein Notizbuch, in dem ich mir aufschreibe, welche Szenen und Dialoge mich besonders berührten und zum Nachdenken brachten. Oftmals schreibe ich mir auf, wie ich in dieser oder jener Szene gehandelt/reagiert hätte und warum. Woran mich manche Szenen in meinem Leben erinnerten. Welche Lieder in dem Film liefen.
    Oh, ganz vergessen: Wenn mir ein Film besonders gut gefallen hat, dann lese ich auch gerne die literarische Vorlage zu dem Film, sowie das (adaptierte) Drehbuch. Ich mag es immer wieder bestimmte Szenen zu lesen und dabei die filmische Umsetzung vor dem geistigen Auge zu haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s